Erbrecht

von Herrn Rechtsanwalt Dr. Roland Mörsdorf, romo@grette.no
Tel. +47 - 94 - 17 65 30

1. Erben in Norwegen 

Das norwegische Erbrecht kennt sowohl die gesetzliche als auch die testamentarische Erbfolge. Soweit sich daraus keine Erben ergeben, fällt die gesamte Erbschaft dem norwegischen Staat zu.

 

2. Erbfolge nach norwegischem Erbrecht

An der ersten Stelle der gesetzlichen Erbfolge stehen die Verwandten des Erblassers. Grundsätzlich fällt daher den Verwandten die gesamte Erbschaft zu. Soweit jedoch der Erblasser einen Ehegatten/Lebenspartner oder einen Lebensgefährten hinterlässt, wird das Erbrecht der Verwandten durch das gesetzliche Erbrecht des Ehegatten/Lebenspartners oder des Lebensgefährten beschränkt. Darüber hinaus kann das gesetzliche Erbrecht der Verwandten durch ein Testament des Erblassers eingeschränkt werden. In diesem Fall können die Abkömmlinge jedoch von den testamentarischen Erben einen Pflichtteil verlangen. Der Pflichtteil beläuft sich gemäß dem norwegischen Erbrecht grundsätzlich auf zwei Drittel der Erbschaft, ist jedoch auf einen Betrag von NOK 1.000.000 pro Abkömmling und dessen Stamm beschränkt.

 

3. Verwandte im Sinne des norwegischen Erbrecht

Die gesetzlichen Erben sind in drei Ordnungen unterteilt. Die gesetzlichen Erben der ersten Ordnung sind die Abkömmlinge des Erblassers. Die gesetzlichen Erben zweiter Ordnung sind die Eltern des Erblassers und deren Abkömmlinge. Die gesetzlichen Erben dritter Ordnung sind die Großeltern des Erblassers und deren Abkömmlinge 

Abweichend vom deutschen Erbrecht gibt es im norwegischen Erbrecht jedoch keine gesetzlichen Erben vierter Ordnung (Urgroßeltern) und fernerer Ordnungen. Im norwegischen Erbrecht sind also nur die Abkömmlinge, die Eltern und die Großeltern sowie deren jeweilige Abkömmlinge erbschaftsberechtigte Verwandte. Die gesetzlichen Erben einer Ordnung schließen im norwegischen Recht die gesetzlichen Erben aller nachfolgenden Ordnungen aus. 

Angenommene Kinder sind den leiblichen Kindern gleichgestellt. Dies bedeutet, dass angenommene Kinder in die gesetzliche Erbfolge der annehmenden Eltern und damit nicht in die gesetzliche Erbfolge der leiblichen Eltern eintreten.


4. Erbrecht des Ehegatten/Lebenspartners nach norwegischem Erbrecht

Neben den Verwandten hat auch der überlebende Ehegatte des Erblassers ein gesetzliches Erbrecht. Gleiches gilt für den überlebenden Lebenspartner gleichen Geschlechts, soweit die Lebenspartnerschaft im norwegischen Personenregister eingetragen ist. Lebenspartner, die nicht eingetragen sind, haben hingegen kein gesetzliches Erbrecht.

Der Umfang der Erbschaft hängt davon ab, welche Verwandten der Erblasser hinterlässt.

Wenn der Erblasser gesetzliche Erben erster Ordnung (Abkömmlinge) hinterlässt, steht dem überlebenden Ehegatten/Lebenspartner ein Viertel der Erbschaft zu, jedoch mindestens in dem Umfang, der dem Vierfachen des norwegischen Grundbetrags entspricht. Bei dem norwegischen Grundbetrag handelt es sich um eine aus dem norwegischen Sozialversicherungsrecht stammende Größeneinheit, die jährlich Ende Mai/Anfang Juni rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres an die Inflationsrate angepasst wird. Zum 1. Mai 2012 betrug der Grundbetrag NOK 82.122.

Wenn der Erblasser keine gesetzlichen Erben erster Ordnung, sondern nur gesetzliche Erben zweiter Ordnung (Eltern) hinterlässt, steht dem überlebenden Ehegatten/Lebenspartner die Hälfte der Erbschaft zu, jedoch mindestens das Sechsfache des norwegischen Grundbetrags. 

Wenn der Erblasser weder gesetzliche Erben erster Ordnung noch gesetzliche Erben zweiter Ordnung hinterlässt, steht dem überlebenden Ehegatten/Lebenspartner die gesamte Erbschaft zu. Die Erben dritte Ordnung (Großeltern) werden also nicht berücksichtigt.

Das gesetzliche Erbrecht des Ehegatten/Lebenspartners kann durch Testament beschränkt werden. In diesen Fall kann der Ehegatte/Lebenspartner gemäß dem norwegischen Erbrecht jedoch von den testamentarischen Erben die oben genannten Mindestbeträge, also das Vier- bzw. Sechsfachen des norwegischen Grundbetrags, verlangen.

Unter bestimmten Umständen ist der Ehegatte/Lebenspartner außerdem berechtigt, die gemeinsame Wohnung zu übernehmen und weiter zu nutzen.

 

5. Erbrecht des Lebensgefährten nach norwegischen Erbrecht

Das norwegische Erbrecht kennt neben dem Ehegatten und dem Lebenspartner gleichen Geschlechts auch den Lebensgefährten (Samboer). Hierbei handelt es sich um eine Person, mit der der Erblasser eine eheähnliche Lebensgemeinschaft unter der gleichen – im norwegischen Personenregister eingetragenen – Wohnanschrift führt.

Wenn der Erblasser mit seinem Lebensgefährten mindestens ein gemeinsames Kind hat, so kann der Lebensgefährte von den Erben das Vierfache des norwegischen Grundbetrags als gesetzliches Erbe verlangen. Dieses Recht kann jedoch durch Testament vollständig ausgeschlossen werden.

Unter bestimmten Umständen ist auch der Lebensgefährte berechtigt, die gemeinsame Wohnung zu übernehmen und weiter zu nutzen.

 

6. Testament nach norwegischem Erbrecht

Der Erblasser kann durch Testament – vorbehaltlich der oben stehenden Einschränkungen zu Gunsten der gesetzlichen Erben – frei verfügen. Die Rechte aus dem Testament sind durch den Erben allerdings innerhalb von sechs Monaten ab Kenntnis vom Erbfall und dem Inhalt des Testaments geltend zu machen.

Das norwegische Erbrecht stellt an die Errichtung des Testaments verschiedene formelle Anforderungen. Danach gilt, dass das Testament grundsätzlich der Schriftform und der Bestätigung durch zwei Zeugen bedarf. Wenn die Formerfordernisse nicht erfüllt werden, ist das Testament nichtig und findet keine Beachtung, so dass die gesetzliche Erbfolge eintritt.

 

Stand der Bearbeitung: 1. Juli 2015